Systeme & Multikrisen

Multikrise: Du bist nicht überfordert – das System ist es.

von Thomas Krings

Viele Unternehmer fühlen sich heute überfordert. Die Wahrheit ist: Die meisten sind nicht überfordert – das System, in dem sie führen sollen, ist es.

Wenn man mit Unternehmern spricht – echten Unternehmern, nicht Rollenimitatoren – hört man heute immer öfter dieselben Sätze: „Es ist zu viel.“ „Es hört nicht mehr auf.“ „Früher hatte ich alles im Griff. Heute nicht mehr.“

Und fast jeder glaubt, dass ER das Problem ist. Dass er schlechter geworden sei. Weniger belastbar. Weniger effektiv. Weniger klar.

Die Realität ist eine andere: Du bist nicht weniger geworden. Das System wurde mehr.

Wenn du verstehen willst, warum du dich heute anders fühlst als vor zehn oder zwanzig Jahren, findest du die Meta-Logik dazu in deinem Grundpfeiler: Systeme & Multikrisen verstehen – Grundpfeiler 2 .

Multikrise bedeutet: Alles verändert sich gleichzeitig

Wir leben nicht in einer Krise. Wir leben in einer Überlagerung von Krisen. Einem Zustand, in dem Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Technologie und Kultur gleichzeitig ihre Logiken verändern.

Das nennt man nicht Herausforderung. Das nennt man Multikrise.

Und Multikrise bedeutet: Deine gewohnten Führungswerkzeuge funktionieren nicht mehr, weil sie für stabilere Zeiten gebaut wurden.

Die Harvard Kennedy School beschreibt Multikrisen als „polycrisis dynamics“, ein Zustand, in dem sich Veränderungen gegenseitig verstärken, statt sich auszugleichen. Quelle: Harvard – Polycrisis Research Group .

Wenn du das Gefühl hast, dass du mit keiner Entscheidung mehr richtig liegst, liegt das nicht an dir. Es liegt daran, dass du in einer Phase führst, für die es keine Blaupause gibt.

Du reagierst nicht schlecht – die Systeme reagieren unberechenbar

Unternehmer sagen mir oft: „Ich weiß nicht mehr, was mein Unternehmen braucht.“ Die ehrliche Antwort: Das weiß dein Unternehmen selbst nicht.

Systeme, die in der Multikrise stehen, verlieren ihre Stabilität. Das bedeutet:

Entscheidungen wirken kürzer. Planungen zerfallen schneller. Strategien überleben nur eine Version. Mechanismen, die früher verlässlich waren, kippen heute ohne Vorwarnung.

Es ist nicht deine Aufgabe, Chaos perfekt zu managen. Es ist deine Aufgabe, die Logik hinter dem Chaos zu erkennen.

McKinsey beschreibt das im Artikel „Crisis Navigator“ : In hochkomplexen Zeiten verlieren Organisationen die Fähigkeit zur Selbstregulation.

Wenn die Selbstregulation bricht, bricht auch die Prognosefähigkeit. Was bleibt, ist Unsicherheit. Und Unsicherheit fühlt sich für Unternehmer an wie persönliches Versagen.

Dabei ist es nur Physik: Komplexe Systeme reagieren chaotisch, wenn sie gleichzeitig von fünf Seiten unter Druck geraten.

Multikrise fühlt sich persönlich an – ist es aber nicht

Das Gefühl der Überforderung entsteht nicht, weil du schwächer geworden bist. Sondern weil deine früheren Werkzeuge heute nicht mehr greifen.

Früher konntest du mit Erfahrung führen. Mit Intuition. Mit Routine. Mit Bauchgefühl. Mit dem Wissen, das du dir über Jahrzehnte aufgebaut hast.

Heute prallen in deinem System Kräfte aufeinander, die du weder vorhersehen noch kontrollieren kannst.

Wenn du das Gefühl hast, du würdest in deinem eigenen Unternehmen nicht mehr hinterherkommen, bedeutet das nicht, dass du dich verändert hast. Es bedeutet, dass die Welt nicht mehr die ist, in der du gelernt hast, zu führen.

Das ist kein persönliches Defizit. Das ist ein historischer Umstand.

Der gefährlichste Denkfehler: „Ich muss nur härter arbeiten“

Das ist der Punkt, an dem viele Unternehmer endgültig scheitern. Sie glauben: „Ich muss nur mehr leisten. Ich muss mich besser organisieren. Ich muss schneller entscheiden. Ich muss mehr Überblick haben.“

Nein. Du musst das System verstehen, nicht dich optimieren.

Die Multikrise ist kein Leistungsproblem. Die Multikrise ist ein Logikproblem.

Und Logikprobleme löst man nicht mit Disziplin. Logikprobleme löst man mit Erkenntnis.

Wenn das System überlastet ist, belastet es dich

Die Überforderung, die du spürst, ist nicht dein Gefühl. Sie ist die Überforderung des Systems, die sich durch dich ausdrückt.

Systeme nutzen den stabilsten Punkt, um Stabilität zu erhalten. In deinem Unternehmen bist das du.

Also kompensierst du. Du hältst. Du balancierst. Du trägst. Du opferst. Du substituierst die fehlende Stabilität des Systems mit deiner eigenen.

Das ist der Grund, warum viele Unternehmer heute erschöpft sind: Nicht, weil sie schwach sind – sondern weil sie die letzte funktionierende Stabilitätsquelle in einem instabilen System darstellen.

Du spürst, was das System nicht mehr regulieren kann.

Der Moment der Entlastung: Es liegt nicht an dir

Hier kommt der eine Satz, der dir wieder Luft gibt:

Du bist nicht überfordert. Du bist nur derjenige, an dem die Überforderung des Systems am sichtbarsten wird.

Wenn du diesen Satz wirklich verstehst, passiert etwas Entscheidendes: Die Scham verschwindet. Das Schuldgefühl verschwindet. Der Druck, perfekt zu funktionieren, verliert seine Macht.

Und an genau diesem Punkt beginnt Führung wieder möglich zu werden.

Der Weg nach vorne: Du musst nicht leisten – du musst durchblicken

Wenn Multikrise bedeutet, dass alles gleichzeitig kippt, dann bedeutet Führung in der Multikrise etwas völlig Neues:

Es geht nicht darum, mehr zu schaffen. Es geht darum, zu erkennen, welche Systemkräfte gerade aktiv sind – und welche du ignorieren kannst.

Ein Unternehmer, der die Logik der Multikrise erkennt, führt mit weniger Stress und mehr Klarheit als jemand, der sich totarbeitet.

Eine Entscheidung, die aus Systemverständnis getroffen wird, wirkt stärker als zehn „harte“ Entscheidungen.

Führung entsteht nicht durch Aktion, sondern durch Perspektive.

Du bist nicht das Problem – aber du bist die Lösung

Multikrise erzeugt Führungskrisen. Aber keine Unternehmerkrisen. Gute Unternehmer sind heute wertvoller denn je.

Du bist nicht das Problem. Aber du bist der einzige Punkt im System, der aus der Multikrise herausführen kann.

Und genau das ist der entscheidende Unterschied: Du brauchst kein neues Zeitmanagement. Du brauchst eine neue Sicht auf die Kräfte, die du führst.

Wenn du die Multikrise nicht mehr nur spüren, sondern verstehen willst – lass uns sprechen.